12.04.2018 | | Lina Schlottmann

Zukunft braucht Vergangenheit

Juristinnen im Einsatz für Gleichberechtigung damals und heute


Dieses Jahr feiert der Deutsche Juristinnen Bund sein 70-jähriges Bestehen. Am 28. August 1948 wurde er als „Vereinigung weiblicher Juristen und Volkswirte e.V.“ von sieben Frauen in Dortmund gegründet. Doch seine Geschichte und die der Frauen, die für Frauenrechte kämpfen, reicht weiter zurück, zeigt Lina Schlottmann.

Den Zugang zum Beruf erstreiten

Die Wurzeln des Deutsche Juristinnen Bund (djb) führen weit mehr als 100 Jahre zurück, zum 1914 gegründeten „Deutschen Juristinnen-Verein“ (DJV). Der DJV gehörte zu einer der ersten deutschen Berufsvereinigungen von Frauen des frühen 20. Jahrhunderts. Diese frühe Vernetzung hat auch an der unbefriedigenden Situation der ersten Jura-Studentinnen Deutschlands gelegen. Denn obwohl Frauen in Deutschland der Zugang zum Studium an Universitäten ab 1909 durch das Immatrikulationsrecht flächendeckend gestattet worden war, waren Juristinnen weiter benachteiligt: Bis zum Inkrafttretens des „Gesetztes über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege“ im Jahr 1922 durften sie zwar das Jurastudium aufnehmen, jedoch weder an Staatsexamen, noch dem juristischen Vorbereitungsdienst teilnehmen. Frauen waren somit faktisch von den klassischen juristischen Berufen ausgeschlossen. Einzig in Bayern war es Frauen gestattet, das erste juristische Staatsexamen abzulegen. Nur die Dissertation verblieb den Frauen als Möglichkeit ihr Studium ordentlich abzuschließen, um daraufhin nichtsdestotrotz auf berufliche Alternativen ausweichen zu müssen. Dazu gehörte es etwa in der Rechtsberatung tätig zu werden, in Kanzleien zu assistieren, Lehr- oder Führungstätigkeiten ausführen oder in den Journalismus zu wechseln. Beim Einsatz für die Zulassung von Frauen zu juristischen Berufen setze der DJV an.  

Von Berlin nach Cambridge

Zu den drei Gründungsmitgliedern des DJV gehörten 1914 Dr. iur. Margarete Berent, Dr. iur. Margarete Muehsam-Edelheim, sowie  Dr. iur. Marie Munk.  

Marie Munk wurde 1924 als erste Rechtsanwältin Preußens in Berlin zugelassen und 1930 zu Deutschlands erster Richterin ernannt. Ihr Weg in das juristische Berufsleben zeigt beispielhaft, wie viel Entschlossenheit, Willenskraft und Mut Frauen vor 100 Jahren aufwenden mussten, um sich einen Platz in der Berufswelt zu erkämpfen. 

Ihr Studium hatte die 1885 in Berlin geborene Marie Munk im Winter 1908 in Bonn begonnen, drei Jahre später schloss sie ihr Studium mit einer Dissertation ab. Auch ihr wurde somit nach Abschluss ihres Studiums im Jahr 1911 der klassische juristische Berufsweg verwehrt, sie musste auf alternative Betätigungen ausweichen. Bis zur Eröffnung ihrer eigenen Kanzlei im Jahr 1924 arbeitete sie darum, neben ihrem Engagement für den DJV, u.a. als Volontärin in einer Anwaltskanzlei, lehrte in der Münchener Frauenschutzstelle und war für einige Monate, als erste weibliche Assistentin, im preußischen Justizministerium tätig. 

Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verlor Marie Munk 1933 ihr Amt als Richterin, drei Jahre später gelang es ihr, Deutschland zu verlassen. Sie baute sich in den USA ein neues Leben auf, arbeitete als Gastprofessorin und -wissenschaftlerin an diversen Colleges und Universitäten. 1946 erwarb sie die amerikanische Staatsbürgerschaft und erhielt schließlich auch eine juristische Zulassung. Ab 1945 unterstütze sie vor allem deutsche Opfer in den Wiedergutmachungsverfahren nationalsozialistischen Unrechts, warb auf Reisen durch Europa und Deutschland für Gleichberechtigung und Demokratie. Ab 1953 war sie außerordentliche Professorin der Harvard University. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1978 lebte sie in Cambridge, Massachusetts. 

Die Arbeit des DJV

Über die genaue Tätigkeit des DJV ist heute nur noch wenig bekannt. Neben der allgemeinen Förderung der Berufsziele von Juristinnen lassen sich bis zum Erlass des „Gesetztes über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege“ im Jahr 1922 zahlreichen Petitionen und Eingaben des DJV finden, die die große Bedeutung des DJV für die erfolgreiche Zulassung von Frauen zu juristischen Berufen betonen. Darüber hinaus arbeitete der DJV in den Rechtskomissionen des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF), welchem er 1916 beigetreten war. Auch setzte sich der DJV für die Besserstellung weiblicher Beamtinnen, sowie die Veränderung des Familienrechts ein. Vor allem durch ihre Erfahrungen über die rechtlichen Schwierigkeiten von Frauen, welche die Juristinnen in ihren beratenden Tätigkeiten in Frauenschutzstellen machten, sowie bedingt durch die eigene berufliche Benachteiligung, waren der DJV und die erste bürgerliche Frauenbewegung in ihren Bemühungen eng verknüpft. 1933 löste sich der DJV schließlich auf, vermutlich um einer nationalsozialistischen Gleichschaltung zu entgehen, sicherlich jedoch auch, da auch seine Mitglieder nicht vor dem Terror des NS-Regimes sicher waren, wie unter anderem das Beispiel Marie Munk zeigt. 

Zukunft braucht Vergangenheit

Heute feiert der djb seine (Neu)Gründung im Jahr 1948. Und landauf landab wird an 100 Jahre Frauenwahlrecht erinnert. Das Verbandsjubiläum verweist diesbezüglich darauf, dass Geschichte von Frauen gemacht wird – nicht zu letzt die Geschichte der zunehmenden Gleichberechtigung von Frauen im Recht. Bei beiden Jubiläen geht der Blick selbstverständlich nicht nur zurück. Es geht um die Zukunft, die es mit Blick auf die Vergangenheit feministisch zu gestalten gilt.

In diesem Sinne gilt es, an feministische Vorkämpferinnen (wieder) zu entdecken. Eine von djb und Bet Debora e.V. gestiftete Gedenktafel erinnert seit dem 8. März 2010 an ihrem ehemaligem Wohnhaus in der Auguste-Viktoria-Straße, Berlin-Wilmersdorf an Dr. Marie Munk.

Und auch der i.d.a.-Dachverband trägt zur Erinnerung bei. Marie Munks Nachlass befindet sich heute teilweise im Helene-Lange-Archiv (HLA), das Mitglied im i.d.a.-Dachverband ist. Das Archiv ist nach der Lehrerin, Frauenrechtlerin und Politikerin Helene Lange benannt, doch ihr schriftlicher Nachlass macht nur einen kleinen Teil des Archivs ausmacht. Es fasst mehrere Teilbestände unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Umfangs zusammen, darunter Archive von Frauenorganisationen und Nachlässe von einzelnen Frauen, die innerhalb des gemäßigten Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung des späten 19. und vor allem des frühen 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielten. Und so stoßen Besucher*innen bei einer Führung durch das Archiv (in den Räumen des Berliner Landesarchiv) auch auf zwei Kartons mit dem Namen Marie Munk (siehe Bild).

 

 

Quellen

Cordes, Oda (2017): Marie Munk, unter: www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/marie-munk/

Ladwig-Winters, Simone (2008): Juristinnen 1933 bis 1949 – unter besonderer Berücksichtigung der Situation jüdischer Frauen., unter: https://doi.org/10.5771/1866-377X-2008-3-120

Röwekamp, Marion (2008): Der Deutsche Juristinnen-Verein e.V., unter: https://doi.org/10.5771/1866-377X-2008-3-117

 

 


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